LIVE NIRVANA INTERVIEW ARCHIVE November ??, 1991 - London, UK

Interviewer(s)
Pippa Lang
Interviewee(s)
Kurt Cobain
Krist Novoselic
Dave Grohl
Publisher Title Transcript
Metal Hammer Nirvana: The Smell Of Success Yes (Deutsch)

Ist das Zeitalter der bedeutungslosen Texte angebrochen? Oder handelt es sich bei Nirvana nur um einen Fall von übereifrigem Teenager-Geist? Nirvana, die neuesten Vertreter der Seattle-Szene, beantworten Pippa Lang's bohrende Fragen über den 'sublimen' Effekt ihres gefährlichen NEVERMIND-Albums...

Nirvana stehen in voller Blüte. Der Erfolg ihres zweiten Albums NEVERMIND hat alle überrascht: ihre Plattenfirmen Sub Pop und Geffen, ihre Fans - jeden, bis auf die Musiker selbst. Zwar haben Nirvana nicht direkt fest damit gerechnet, aber die Musiker gehören nun mal nicht zu den Leuten, die sich durch irgendetwas aus der Fassung bringen lassen. Auf die Frage nach den Gefahren, die der Erfolg in sich birgt, und den Vorwurf der Selbstgefälligkeit reagieren sie zurückhaltend, aber unvergesslich. Die Textzeile: 'I'm so ugly, but that's OK 'cos so are you...' aus dem Song 'Lithium' ist der beste Spruch der letzten zehn Jahre, aber wenn man die Band fragt, woher dieser Satz stammt, bekommt man "Eigentlich nirgendwoher..." zu hören.

NEVERMIND ist Alptraum der amerikanischen Kritiker schlechthin. Das Kommittee für Interpretation und Analyse versucht um jeden Preis, die Bedeutung von Textzeilen wie 'Polly wants a cracker...' (ist mit 'Cracker' der Geschlechtsakt gemeint? Und handelt 'Polly' nun von einem Papagei oder einer Prostituierten?) oder Titeln wie 'Territorial Pissings' (pinkelnde Kater gar?) zu ergründen. Harte Nüsse, die nicht so leicht zu knacken sind. Nirvana selbst empfehlen, die Finger davon zu lassen... und möglichst auch von der Band selbst. Kurt Cobain, Lead-Gitarrist und Sänger, sieht aus, als habe er versehentlich eine Flasche Ketchup auf den Kopf bekommen - so jedenfalls wirkt der seltsame rote Klecks in seinen ansonsten blonden Haaren. In seinem schmuddeligen Mantel wirkt er etwas verwirrt, so als sei er durch die Maschen des sozialen Netzes gerutscht und bettle nun um Geld für eine Schachtel Zigaretten.

Bassist Chris Novoselic steht am Plattenspieler und versucht offenbar, das Ding irgendwie anzuschmeißen. Drummer David Grohl ist einfach nur anwesend und zu allem - oder gar nichts - bereit. Es ist nicht einfach, wenn jedes Mitglied der Band, die man gern interviewen möchte, auf einer anderen Sphäre schwebt. Aber die Drei haben ein gemeinsames Interesse - Nirvana, auch wenn man sie besser nicht fragen sollte, was sie darunter verstehen.

NEVERMIND, der Nachfolger des 1988 erschienenen BLEACH, bezieht seine Einflüsse aus allen möglichen Richtungen (nichts spezielles, versteht sich). Kurt sinniert: "Woher zum Teufel kommen die Einflüsse? Aus Erfahrungen, aus dem Leben, dem Fernsehen, von unseren Freunden, Ärger mit den Eltern, schlechten Noten in der Schule, Büchern, Mühle-Spielen, Schlägereien... was weiß ich."

Verstehe. NEVERMIND kommt also von überall her... und nirgendwo. Ich erwähne, daß mein Fave auf der Platte 'Lithium' ist und zitiere ein paar Textzeilen zum Beweis, daß ich weiß, wovon ich rede.

Chris wirft einen Kieselstein gegen die Wand (keine Ahnung, wo er den hier im Büro der Plattenfirma gefunden hat) und gibt mir eine Lexikon-Definition des Begriffs:

"Lithium ist ein Metall, das in verschiedenen elektronischen Geräten Verwendung findet... Ein Grundelement. Es wird auch für Batterien benutzt. Ich weiß nicht, wozu es sonst noch gebraucht wird; es steht in der Tabelle gleich neben Einsteinium. Der Song sollte 'Kryptonite', 'Einsteinium' oder 'Lithium' heißen, jeder dieser Titel hätte gepaßt."

Der Begriff 'planlose Auswahl' kommt mir in den Sinn. 'Planlos' ist ein treffender Sammelbegriff für das ganze Album. Keine durchgehende Linie, kein fester Plan, nur Spontaneität, einfach herumspielen und sehen, was dabei herauskommt. Wenn doch nur mehr Bands so verantwortungslos wären wie Nirvana.

Chris: "Viele Bands haben eine feste Vorstellung vom Image und vom Sound, und darum dreht sich dann alles. Die meisten schreiben einen Song und bleiben dann für immer und alle Zeiten bei diesem Stil. Tausend verschiedene Versionen ein und desselben Stücks. Wir bleiben lieber vielseitig. Wir stehen auf alle möglichen Richtungen und Sounds."

Deshalb ist es auch so schwierig, NEVERMIND zu beschreiben. Zumindest ist die Platte eine echte Herausforderung für die Journalisten.

Dave: "Im Grunde gibt es doch im Rock'n'Roll sowieso keine Grenzen. Deshalb verstehe ich nicht, warum plötzlich jeder von einer neuen, alternativen Bewegung innerhalb der Musik redet. Das gibt es doch schon lange, alternative Musik, Indie-Musik, nur hat sich in den letzten zehn Jahren niemand dafür interessiert."

Ein Grund dafür, daß Nirvana so plötzlich der Durchbruch gelang, ist das plötzliche Interesse von Geffen Records. NEVERMIND findet man ohne großes Suchen in jedem Plattengeschäft, während es seinerzeit gar nicht so einfach war, an BLEACH heranzukommen. Das gleiche gilt für die Gigs der Band. Obskure Underground-Gigs sind medienträchtigen Showcases gewichen. Gut oder schlecht, zumindest erreichen Nirvana jetzt die Massen. Was hat die Band nun vor? Nach einem langfristigen Plan frage ich gar nicht erst, denn ich bin mir ziemlich sicher, daß es einen solchen nicht gibt.

Chris: "Wahrscheinlich werden wir eine Zeitlang durch die Staaten touren, uns dann mit sonderbaren Trachten verkleiden und mit einem griechischen Ensemble herumreisen, eine Freak-Show mit Menschen mit körperlichen Mißbildungen eröffnen..."

Chris' Behauptung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen...

"Im nächsten Jahr spielen wir Nebenrollen in einem Film namens 'Greek Love'. Es geht um eine Freakshow-Familie, die mißgebildete Kinder züchtet. Das Problem ist, daß wir uns für die Rolle die Arme abnehmen und sie später nach den Dreharbeiten wieder annähen lassen müssen. Danach kommt die Heilgymnastik und..."

Klingt unangenehm. Aber für seine Kunst muß man eben Opfer bringen. 'Göttliches Leiden' nennt Chris es.

Und darum, so meint die Band, ging es damals bei der Punk-Bewegung - um Leiden. Ihre größten Einflüsse stammen aus der Punk-Ära Mitte bis Ende der Siebziger, obwohl Kurt behauptet, daß Nirvana "mit der Straightedge/Hardcore-Szene nie etwas am Hut hatten. Damals hörten wir Bands wie die Butthole Surfers, Scratch Acid und dergleichen."

Aber zumindest Kurt führt als Einfluss auch noch die großen, allgegenwärtigen Led Zeppelin an. Das letzte Stück auf NEVERMIND ist ein schweres, bewegendes und gleichzeitig sehr einfaches, an Edward Lear erinnerndes 'Gedicht'. 'It's OK to eat fish...("...bis auf Thunfisch..." wirft Chris ein) ...'cos they don't have any feelings...' Kurt scheint dem Hörer dabei direkt ins Ohr zu flüstern und dabei sein Gehirn zu umnebeln. Genau das richtige für Leute, die stoned sein wollen, ohne etwas zu rauchen... Kurt erklärt, warum dieser Song die Platte abschließt:

"Das haben Led Zeppelin auf ihren Alben auch gemacht. Sie haben immer mit einem sehr ruhigen Song abgeschlossen, und ich habe mir dazu immer gern einen Joint geraucht; beim letzten Song befand ich mich meistens schon im Dämmerzustand und träumte von Robert Plant..."

Hmm. Inzwischen halten die Musiker nicht mehr so viel von Robert Plant - ganz einfach, weil er schon so lange dabei ist. Nirvana selbst scheinen jedenfalls ihre Grenzen zu kennen:

"Ich hoffe, daß wir in zwanzig Jahren kein Publikum mehr haben. Kannst du dir vorstellen, daß wir dann immernoch die selben Songs spielen, als fünfundvierzigjährige, aufgeschwemmte Typen..."

Chris wirft hastig ein: "Robert ist für sein Alter noch ganz gut in Form..."

"...na gut, dann verschrumpelt, oder was auch immer..."

Macht nichts, Kurt, ich weiß, was du damit sagen willst. Aber ich glaube, tausende von Nirvana-Fans sehen das anders. Ich kann es mir genau vorstellen: "2011: Nirvana spielen Schrumpel-Rock!" Egal, der Teenager-Geist wird immer noch da sein...

© Pippa Lang, 1991